Nordische Mythologie & die Edda

The Elder or Poetic Edda; commonly known as Sæmund's Edda. Edited and translated with introduction and notes by Olive Bray. Illustrated by W.G. Collingwood (1908) Page 276

„Weißt Du zu ritzen? Weißt Du zu raten? Weißt Du zu opfern?“ Wer es wissen will, schaut in die Edda. Das Standardwerk für die nordische Mythologie ist neben der Runenkunde auch die Quelle der Nibelungen-Saga, deren Helden entlang des deutschen Rheins leben und sterben. Beinahe nebenbei geben die Götter gute Ratschläge für das Überstehen von Trinkgelagen oder das Abtransportieren von Goldschätzen.

Nordische Mythologie und ihre Hauptwerke: Lieder-Edda und Snorra-Edda

Titelblatt einer Abschrift der Snorra-Edda aus dem 18. Jahrhundert
Titelblatt einer Abschrift der Snorra-Edda aus dem 18. Jahrhundert, ausgestellt in der Icelandic National Library

Edda bezeichnet die gesamte Kompilation der Erzählungen, die zum Teil bis in das 9. Jahrhundert zurückgehen, aber erst viel später niedergeschrieben wurden. Überliefert sind die Erzählungen in zwei Büchern, der
– Lieder-Edda mit Götter- und Heldensagen, und der
– Snorra-Edda, dem Lehrbuch der Sänger und Dichter (Skalden).

Die beiden Bücher Lieder-Edda und Snorra-Edda sind heute die wichtigsten Quellen für die nordische Mythologie. Die Lieder-Edda wird manchmal auch als „Ältere Edda“ bezeichnet, was allerdings eher zu Verwirrung führt. Sie enthält Götterlieder, z. B. zum Gott Odin, und Heldenlieder, wie die der Nibelungen. Unterm Strich rät die nordische Mythologie in der Götterliedern häufig zur Mäßigung: Weniger lang feiern und im Zweifelsfall lieber den Mund halten.

Die Snorra-Edda, manchmal auch unpräzise „Jüngere Edda“ oder „Prosa-Edda“ genannt, ist das Handbuch für Skalden. Diese waren die Dichter und Sänger des Nordens. Der Begriff „Jüngere Edda“ ist dahingehend irreführend, da beide Versionen im 13. Jahrhundert niedergeschrieben wurden. Er entstand, da davon ausgegangen wird, dass der Verfasser der Snorra-Edda, Snorri Sturluson, die Texte der Lieder-Edda gekannt haben muss. Auch der Begriff Prosa-Edda ist nicht ganz passend, da die Snorra-Edda zwischen den Prosa-Texten auch beispielhafte Strophen enthält.

Die Lieder-Edda – Götter- und Heldenlieder

Für die nordische Mythologie ist die Lieder-Edda die wichtigste Überlieferung. Sie gliedert sich – je nach Auslegung – in 29 bis 37 Götterlieder, dazu die Heldenlieder sowie zwei Prosastücke. Die wichtigste und umfassendste Überlieferung der 63 Strophen stammt aus dem Codex Regius, dem „Königsbuch“ aus dem 13. Jahrhundert. Die Erzählungen sind allerdings viel älter und wurden lange Zeit nur mündlich überliefert. Die Lieder-Edda wird bisweilen auch als Saemundar-Edda bezeichnet, da bis ins 19. Jahrhundert davon ausgegangen wurde, dass die Texte auf den isländischen Priester Sämundr inn Frodhi zurückzuführen sind. Dies wurde allerdings widerlegt, sodass dieser Begriff heute eher vermieden wird.

Die Götter in der Lieder-Edda

Die nordische Mythologie beschreibt Götter aus den Familien der Asen und der Wanen. Diese erschufen die Welt, verfielen dann allerdings in einen Streit über Gullveig, eine wanische Göttin in der germanischen Mythologie.

Die Seherlieder erzählen von einer lang zurück liegenden Vergangenheit. Schon damals beschäftigten der Weltuntergang und eine neue Welt die Gemüter der Sänger und Zuhörer. Das erste und bedeutendste der 16 Götterlieder aus dem 1. Teil der Lieder-Edda ist die Völuspá (isländisch), übersetzt die „Weissagung der Seherin“.

Ragnarök und das Ende der Welt

In den für die Edda typischen Stabreimen berichtet die Seherin von der Entstehung und dem Ende der Welt (Ragnarök) und einer damit verbundenen Neuentstehung. Wie genau die Götter es schafften, die Welt zu erschaffen und Ordnung in das Universum zu bringen, weiß die Seherin auch: Zunächst wurden die Zwerge geschaffen, dann folgten die ersten Menschen. Die nordische Mythologie erzählt uns, dass das Schicksal jedes Menschen in einer Wurzel des Weltbaums verankert ist. Dieser Baum ist die Esche Yggdrasil.

Götter-Tipps für die Zeit bis zum Untergang

Die nordische Mythologie beschreibt nach dem Ende der Welt eine neue Welt mit einem goldenen Zeitalter für Götter und Menschen. Bis dahin geben die Götterlieder gute Ratschläge für einen möglichst soliden Lebenswandel. Im Hávamál, dem Hohen Lied oder Odins Runenlied, geht es um solche Lebensweisheiten. Hávamál sammelt alle Sprüche rund um ein gutes, gerechtes, und gemäßigtes Leben:

„Lange zum Becher nur, doch leer ihn mit Maß,
Sprich gut oder schweig.
Niemand wird es ein Laster nennen,
Wenn du früh zur Ruhe fährst“

Hávamál (18), übersetzt von Karl Joseph Simrock

Götter erklären die Runen

Runen sind in der Lieder-Edda ein wichtiges Thema. So wird etwa im Götterlied Hávamál berichtet, wie sich Odin opferte, um an das Runenwissen zu gelangen: Er hing neun Tage kopfüber von der Weltesche Yggdrasil. Zudem werden die den Runen innewohnenden magischen Kräfte beschrieben sowie 18 Zaubersprüche.

Die Runen waren Stöcke mit eingeritzten Zeichen. Viele der Runentiere sind schlangenartig, so wie auch Dafnir der Drache, dessen Schatz Siegfried gewinnt. Das Ende der Runen-Ritzungen kam mit dem sich ausbreitenden Christentum und der lateinischen Schrift. Das Thema der Runen zieht sich durch das Werk, doch auch da warnt wiederum das Hávamál:

„Was wirst du finden,    befragst du die Runen,
Die hochheiligen,
Welche Götter schufen,    Hohepriester schrieben?
Daß nichts beßer sei als Schweigen“

Hávamál (79), übersetzt von Karl Joseph Simrock

Runenhölzer lassen sich ganz leicht selber herstellen. (c) Der Mächtige Bär

Die Heldenlieder

Im zweiten Teil der Lieder-Edda geht es um die Helden – so wie wir sie kennen: Siegfried, Brunhild und Gudrun bestimmen das Geschehen. Das erste Lied handelt jedoch von Wölund, dem dritten Sohn Nikuds, König von Schweden. Nach sieben Wintern flogen den Brüdern die Frauen davon. Während sie sich auf die Suche machen, bleibt Wölund, ein geschickter Handwerker und Schmied in Ulfdalir. Doch auch das hatte weitreichende Folgen.

Siegfrieds Diskussion mit dem Drachen

Den größten Teil der Heldenlieder nimmt das Nibelungenepos ein. Siegfried, der am Rhein lebende Held der Saga, überlistet Dafnir. Der sterbende Drache warnt Siegfried:

„Das gellende Gold, der glutrote Schatz,
Diese Ringe verderben dich.“

Das Lied von Fafnir (Vers 9) übersetzt von Karl Joseph Simrock

Doch Siegfried wiegelt ab, denn Gold wolle ja schließlich jeder. Auch Attila (Atli) der Hunnenkönig ist in den Heldensagen der Edda verewigt.

Die Snorra Edda – das Handbuch für Skalden

Die Snorra-Edda ist ein Lehrbuch für Skalden (Sänger und Dichter), um diese in die Kunst der Unterhaltung einzuführen. Ein weiteres Anliegen war es, die Dichtkunst der Skalden für die Nachwelt festzuhalten. Sie gilt als das Werk des isländischen Politikers Snorri Sturluson, der im 13. Jahrhundert lebte und der selbst Skalde und Historiker war. Sturluson wuchs bei einem der mächtigsten Männer seiner Zeit, Jón Loftsson, einem einflussreichen Gelehrten und Goden, auf. Er lernte nicht nur Lesen und Schreiben, sondern erhielt auch Unterricht in Theologie, Latein, Rechtswesen und Geographie.

Die Snorra-Edda ist in vier Handschriften überliefert, die alle erst Jahre nach seinem Tod veröffentlicht worden sind. Snorri Sturluson wird nur in der ältesten Handschrift als Verfasser genannt, die etwa 60 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht wurde. Zudem unterscheiden sich die ursprünglichen Handschriften so stark voneinander, dass oft von mehreren Verfassern ausgegangen wird.

Der Ausbildungsumfang für Sänger und Dichter

Die Snorra-Edda gliedert sich in vier Teile:

1) Prologus mit der Einleitung
2) Gylfaginning als Einführung in die Nordische Mythologie, in der die altnordischen Götter als Könige oder vergöttlichte Heroen dargestellt sind.
3) Das Skáldskaparmál beschreibt die skaldischen Stilmittel kenningar (Paraphrase, poetische Umschreibung) und heiti (ähnlich einer Metapher).
4) Das Háttatal ist eine Verslehre, in der Snorri die verschiedenen Versarten skaldischer Dichtkunst anhand eines eigens verfassten Gedichtes veranschaulicht-

Zwar ist die Snorra-Edda als Lehrwerk für Skalden gedacht, sie liefert uns heute darüber hinaus aber auch wesentliche Einblicke in die mythologische Sagenwelt. Zudem enthält sie die Beschreibung zur Entstehung der Runen und bekräftigt: „Oft kommt heilsamer Rat aus hartem Balg“. Den Ärzten wird das Lernen von Ast-Runen empfohlen, um die Krankheit zu erkennen. Denk-Runen sind gut für den Verstand und Sieg-Runen gehören auf den Schwertknauf.

Herkunft des Wortes Edda

Der Ursprung des Wortes nicht eindeutig geklärt. Altisländisch bedeutet er Großmutter oder Urgroßmutter. Eine weitere Möglichkeit könnte eine Anlehnung an das lateinische Wort „editio“, zu Deutsch „Herausgabe“ oder „Edition“, sein.